RHYTHMUS DES LEBENS
In Andalusien gibt es kaum Industrie. Der Rhythmus des Lebens folgt dem Rhythmus des Jahres mit seinem Klimawechsel und der darauf abgestimmten Feldarbeit, dem Pflanzen und Säen, Ernten und Verarbeiten von Spargel, Erdbeeren, Zitronen, Orangen, Weizen, Baumwolle und Oliven.
Alles hat seine Zeit im Jahr, so auch die Feste, deren es viele gibt. Im Frühjahr, im Sommer und im Herbst. Im Winter zur Regenzeit schliesst man die Türen und wartet. Man wartet nicht auf die wärmende trockene Sonne, sondern auf jenen Zyklus, der im Frühjahr, nach der Winterpause jährlich neu beginnt, in Sommer anschwillt und im Herbst abebbt um im Winter fast gänzlich zu versiegen. Es handelt sich neben der Landwirtschaft um die zweite grosse Erwerbsquelle der Region: den Tourismus.
Die Touristen kommen langsam, im Frühjahr noch wagemutige Einzelne, bis sie in Massen stranden, unbelastet von jeder Rücksichtnahme im Vollgefühl derjenigen, die für die Sonne und Bedienung bezahlt haben. Sie sorgen für Beschäftigung der Einheimischen im Baugewerbe und im Transportwesen oder als Köche und Reinigungspersonal, Barmixer, Zeitschriftenhändler und Apotheker. Für die Tourismusbeschäftigten gibt es kaum freie Wochenenden. Im Herbst haben sie genug, auch der geduldigste Andalusier bekommt einen gereizten Ton. Und die Massen suchen wieder das Weite, im fernen Norden, in der Kälte, in den Städten.

Ab März bricht die Sonne durch und schenkt den Menschen eine milde Wärme bevor sie im Sommer unbarmherzig die Erde verbrennt und die Städte in Öfen verwandelt. Im Frühjahr ist das Land grün und von bunten Blumen übersät. Nun werden auch die Bars zur Strasse hin geöffnet. Alte Männer sitzen draussen, kommentieren und debattieren. Junge Mädchen flanieren eingehakt und kichernd vorbei, herausgeputzt und bemalt, im wiegendem Gang. Das Leben scheint nicht nur aus der Erde, sondern auch aus den Behausungen der Menschen herauszubrechen.
Ostern ist das grosse Fest der Auferstehung. Es ist ein christliches Fest, das in Andalusien ganz ohne den heidnischen Osterhasen begangen wird. Dennoch drücken archaische Religionen diesem wichtigsten Fest Andalusiens bis heute ihren Stempel auf. Die ernst genommenen christlichen Traditionen vermischen sich so stark mit Elementen der Naturregionen wie kaum in einem anderen Land Europas. So feiert man Ostern zugleich das Erwachen der Natur und den Frühling.
Die Begabung der Andalusier zu mitreissender Gesellschaft ist legendär. Das gilt nicht nur für die Feste. Man trifft sich alltäglich auf den städtischen Plätzen und in den Bars, um das Tagesgeschehen zu debattieren. Zwischen den Gläschen werden tapas genossen, die typisch spanischen Appetithäppchen. So vergeht die Zeit nicht in tickender Leere oder in brausendem Tempo, sondern gemächlich, geknüpft zwischen copas und tapas.

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