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FLAMENCO |
URSPRUNG
Der cante flamenco, auch cante grande oder cante jondo genannt, ist ureigener Schatz der andalusischen Folklore und als solcher aus keiner fiesta wegzudenken.
Seit dem 15. Jahrhundert liessen sich die Zigeuner, sogenannte gitanos in Cádiz, Sevilla, Jerez de la Frontera und Granada nieder. Sie wurden diskriminiert und von der Inquisition verfolgt. Erst ein Erlass des Königs Karls III. aus dem Jahre 1782 erlaubte ihnen schliesslich offiziell ein menschenwürdiges Sesshaftsein. Seit jener Zeit konnten es die gitanos wagen, ihre tradierten Ausdrucksformen öffentlich vorzustellen. Flamenco hiess ihre Kunst.
Der älteste Teil des Flamenco ist der Gesang cante, danach erst traten Tanz baile und Gitarrenmusik toque hinzu. Themen des Gesangs sind zumeist Klagen über die Qualen des Lebens, Einsamkeit, Liebesleid und Unterdrückung.
Die musikalischen Wurzeln des Flamenco sind vielfältig. Grossen Einfluss auf die musikalische Entwicklung übte am Hof von Córdoba im 9. Jahrhundert ein Sänger namens Ziryab aus Bagdad aus. Er richtete dort als hochgeachteter Mann eine Schule für Musik und Gesang ein, die persische Traditionen nach Europa brachte. Der Gebrauch der Laute arab: al-'ud, der Gitarre arab: qitara und anderer Instrumente, wie etwa die Kastagnetten wurde erlernt, und man entwickelte eine Musik, die ausgeprägte Rhythmen sowie arabeskenhafte Verzierungen der Melodie kannte.
Einen starken musikalischen Einfluss übten neben maurischen und mozarabischen, also christlichen Volksliedern die jüdischen Synagogenlieder aus, vor allem die Trauergesänge. Die gitanos selbst brachten möglicherweise aus ihrer indischen Heimat manch Elemente des Flamenco-Tanzes mit. Zumindest die Bewegungen von Armen und Händen erinnern an indische Tempeltänze.

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EIN RITUAL?
Der Flamenco besitzt unübersehbar die Formen eines Rituals. Der Gesang beginnt häufig wie eine Anrede. Der Sänger legt die Hand auf die Schulter eines Freundes, und während er sein Leid mit kehligen, rauhen Tönen besingt, scheint er dämonisch Kräfte zu beschwören, die von ihm Besitz ergreifen. Schreie und schmerzverzerrte Gesichter zeugen davon. Der Sänger ist besessen, inspiriert. Er ist das Medium, das den Geist in den Kreis holt. Und die auf der Schulter des Freundes erweist sich als notwendige Stütze. Das Ritual bezieht auch alle Anwesenden ein. Die Zuhörer rufen, feuern an, unterstützen, klatschen, sie feiern den, der sein Inneres herauskehrt, bis zum duende dem dämon, dem Moment der Ektase, dem Augenblick der Wahrheit, einer mystischen Vereinigung.

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ENTWICKLUNG DES FLAMENCOS
Welche musikalischen Traditonen und Formen der Geisterbeschwörung hier auch Eingang gefunden haben mögen - die gitanos in Andalusien schufen etwas unverwechselbar Eigenes.
Sie entwickelten im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den klassischen Flamenco, der zwischen 1860 und 1910 seine Blütezeit erlebte.
In den Cafés de cante gab es nun fest angestellte Künstler. Nicht alles wurde der Improvisation und der Eingebung des Augenblickes überlassen. Zum Gesang kamen Tanz und Musikbegleitung hinzu. Eine Vielzahl von Stilformen wurden entwickelt, wobei wie beim Stierkampf der ruhigen und richtigen Haltung des Tänzers und der Tänzerin grösste Bedeutung zukam.
Dies gilt bis heute. Die aufrechte Haltung, die rhythmisch stampfenden Füsse, die gespreizten Arme und die Arabesken malenden Hände und Finger. So vielfältig die Formensprache des Körpers und seiner Glieder auch ist, sparsame Gesten sind das Zeichen der Meisterschaft.
Vom Café de cante wanderte der Flamenco seit etwa 1910 auf die Theaterbühne. Dort bediente man sich jedenfalls mancher seiner Elemente. Der Flamenco verlor an Würde und Stil. Zu Beginn der zwanziger Jahre versuchte Federico Darcia Lorca und Manuel de Falla den echten Flamenco zu rehabilitieren.

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ECHTER FLAMENCO?
Viele winken heute ab. Den gäbe es nicht mehr! Alles sei kommerzialisiert oder aber für Fremde nicht zugänglich. Tatsache ist, dass der Flamenco in den letzten Jahrzehnten eine faszinierende Renaissance erlebte und weltweit Beachtung erfuhr. Es scheint nicht so zu sein, dass der Flamenco seine Inspiration und Kraft für immer verloren hätte. Bei vielen Vorführungen bekommt man nur noch die Reste einer ehrwürdigen Tradition zu Gesicht. Das gilt fast für die gesamte Mittelmeerküste.
Aber manche tablaos, das sind einfache Bretterbühnen für Flamenco-Vorführungen, vor allem in den Hochburgen Sevilla, Jerez de la Frontera und Cádiz, zeigen Begnadete ihrer Zunft, deren Ausdrucksstärke jeden Vorbehalt hinwegfegt. Es gibt nicht den Flamenco, da eine Vielzahl verschiedener Stilformen existieren. Es gibt grosse und kleine, schnell und langsame, zumeist traurige, schmerzerfüllte, aber auch festliche, fröhliche Gesänge.
Der Flamenco ist inzwischen eine Wissenschaft für sich. In Jerez de la Frontera wurde ein Lehrstuhl für flamencologia eingerichtet. Ein reiches Archiv und viele Kurse und Veranstaltungen zeugen von der Geschichte und anhaltenden Lebendigkeit dieser Musik.

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